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Die Träumer von Bernardo Bertolucci

Die Träumer von Bernardo Bertolucci Filmszene: Rennen durch das Louvre in Hommage an die AußenseiterbandeEin junger Amerikaner unterwegs auf den Straßen von Paris, auf dem Weg ins Kino. Aber er geht nicht in der Mitte, sondern am rechten Rand der Leinwand, dessen Zentrum seinem Schatten gewidmet ist in Bernardo Bertolucci's neuer Hommage ans Kino, Die Träumer.
Die Schattenwelt der Leinwand ist Antrieb in Matthews (Michael Pitt) Leben, sein allabendliches Ziel die Cinémathèque Francaise.
Er ist schüchtern, er ist wohlerzogen und fühlt sich fremd in dieser Stadt. Zuhause ist er nur im Kino, in der ersten Reihe, dort, wo man den Film noch als erster zu sehen bekommt bevor sich die Bilder in die hinteren Reihen weiterquälen.
Es ist März 1968, de Gaulles Innenminister Andre Malraux entlässt Henri Langlois, Ikone der Cinephilie in Frankreich. Langlois hatte die Cinémathèque aufgebaut als rein privates Unterfangen; hatte seit Beginn der Sechziger abend für abend die Klassiker aus Hollywood, aus dem Frankreich der dreißiger Jahre und nun auch die Werke der Nouvelle Vague einem begeisterteten Publikum geboten.
So erlebt Paris die ersten Demonstrationen der 68er, der Linken, die eine Re-Privatisierung einer staatlichen Kultureinrichtung fordern. In diesem Tumult trifft Matthew auf Isabelle (Eva Green) und Bertolucci mischt Orginalaufnahmen damaliger Proteste vor der Cinémathèque mit neu hinzugedrehtem Bildmaterial; auf dem einen spricht Jean-Pierre Léaud im Original als junger Mann, dann spielt der alte Lèaud sich selbst im Kino.
Aber Matthew interessiert sich schon mehr für Isabelle und ihren Bruder Theo (Louis Garrel), fängt Kinorätsel mit ihnen an, läßt sich einladen zu ihnen nach hause. Und hetzt mit ihnen durch den Louvre, um den Rekord von 9:45 min. aus Godards "Aussenseiterbande" zu unterbieten.

Filmszene aus Die Träumer: Isabelle, Theo und Matthew in der BadewanneBei Isabelle und Theo zuhause lernt Matthew auch die Eltern der beiden kennen, liefert sich ein philosophisches Duell mit dem Vater, der an A. Moravia erinnert. Als die Eltern in den Urlaub fahren, folgt Matthew dem Angebot, zu Isabelle und Theo mit in die Wohnung zu ziehen, um sie bis zum Ende des Filmes kaum noch zu verlassen. Die ganze (Nicht-)Realität der drei spielt sich nun zwischen diesen Wänden ab, in einer Wohnung, die auch für's Kino stehen könnte.
Aber die Rätsel um Godard, Marlene Dietrich werden ernster: als Theo verliert, muss er vor einem Poster Marlenes onanieren, vor Matthew und Isabelle, die dies ihrem Bruder abverlangt hat... dann verliert auch Matthew; die Aufgabe: er soll mit Isabelle schlafen, für beide das erste Mal. Ab hier fehlt den dreien der letzte Stoff auf ihren Körpern, nackt, frei und unabhängig vegitieren sie dahin in ihrer Höhle dieser Wohnung, wobei Bertolucci es elegant vermeidet, hierin nur ein Zitat seines "letzten Tangos in Paris" zu sehen.

So entwickelt sich die wohl schönste "Ménage à trois", die seit langem auf einer Leinwand zu verfolgen war. Gänzlich sind die drei in ihrer Traumwelt aus Filmzitaten, Liebe und Sexualität gefangen; werden auch nicht von den Eltern der Geschwistern herauserweckt, als diese kurzseitig ihrer Wohnung einen Besuch erstatten und selbst der darauffolgende Selbstmordversuch Isabelles stellt noch ein Filmzitat da (Bressons "Mouchette") und wird nur durch einen Pflasterstein verhindert, der von der Straße durch die Fensterscheibe fliegt... auch dies Bertolucci in Höchstform, so wartet er beim Filmen immer darauf, ob nicht die Realität durch eine Tür in den Set hineintauchen könnte. Draußen, außerhalb der geschlossen verträumten Welt dieser mondänen Jugenstilwohnung, kämpft die Straße.

Die letzten Szenen, in welchen sich die drei in das Geschehen der Mai-Revolutionen stürzen, bilden da nur einen verklärten Ausklang dieses Meisterwerkes über das Kino und einer demütig ersponnenen Liebeserklärung an die Zeit der Sechziger Jahre, an das Gefühl der Hoffnung und des Aufbruchs, an die Nouvelle Vague und die Jugend, an die Sexualität und die Liebe, an Godard, Chaplin und Keaton; an die Liebe zur Leinwand und die Liebe zu den Liebenden.

Bertolucci's Meisterwerk hat u.a. anderen dem Autor der Romanvorlage ("The Holy Innocents"), Gilbert Aldair, so zugesprochen, dass jener seinen Roman einfach umgeschrieben hat, wodurch nun der Film die Vorlage zum Buch (Träumer) darstellt.

14.01.2004 | (cr)

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