Sehr geehrtes Forum,

das Referat Ideologiekritik des u-asta lädt herzlich ein zu Vortrag samt
Diskussion:


Kritik der Philosophie - Denken aus dem Geist der Rechtfertigung

mit dem Referenten Dr. Peter Decker
Mittwoch, 26. April 2006, 19 Uhr ct
in der Universität Freiburg, KG II, Raum 2004


Thesenpapier:

Eigentlich gibt es wichtigere Dinge, mit denen man sich befassen könnte. Mit
der Armut und dem Reichtum des Kapitalismus, mit Geld und Kredit, Krieg und
Frieden, Staat und Volk – den wirklichen Mächten eben, denen das Leben der
Menschen zu ihrem Nachteil unterworfen ist. Aber es lohnt sich schon auch,
dem akademischen Selbstbewusstsein der modernen Gesellschaft einige
Aufmerksamkeit zu widmen. Die bodenlose Art und Weise, wie diese
Gesellschaft sich gedanklich Rechenschaft über sich gibt, ist selbst ein
Beweis der Unvertretbarkeit der herrschenden Zustände, der Korrumpiertheit
des bestallten Nachdenkens über sie – und der Dummheit, die es dafür
braucht.

Die Philosophie, hieß es einmal, sei die Königin der Wissenschaften und
zugleich die Magd der Theologie. Diese Auskunft ist nicht so verkehrt. Sie
wirft ein bezeichnendes Licht - auf die anderen 'beschränkten Fach- und
Verstandeswissenschaften', und ebenso auf das Fach, das ihnen gegenüber der
Hort der Vernunft zu sein beansprucht. Philosophen sind stolz darauf, dass
ihr Reich der Selbstreflexion im eigentlichen Sinn keine Wissenschaft von
etwas ist. Gerne bekennen sie mit den Worten des alten Sokrates: 'Ich weiß,
dass ich nichts weiß!' Das halten sie aber nicht für ein Eingeständnis, dass
ihre Kunst das Interesse der wissbegierigen Jugend nicht verdient; im
Gegenteil: Philosophie bietet kein Wissen, sondern Besseres: Weisheit. Man
könne Philosophie nicht lernen, sagen sie, man müsse selbst philosophieren!

Und wenn man das tut, betätigt man sich als unüberbietbar kritischer Geist.
Philosophie ist das kritische Denken schlechthin. Sie erklärt nichts,
hinterfragt dafür alles. Vor allem das Wissen selbst, aber auch das Wollen
und die Wirklichkeit als solche. In ihrer kritischen Frage nach dem 'Woher,
Wohin und Wozu von Welt und Leben' (Heidegger) und in ihrer Distanz zum
'Bloß Seienden'(Adorno) betätigt sie mit den Mitteln des Verstandes die
religiöse Sehnsucht nach dem lieben Gott und dem 'transzendentalen Obdach',
das der Glaube gewähren würde – wenn der moderne Mensch halt noch glauben
könnte.

Die Philosophie ist das ausdrückliche und – ironisch genug – argumentative
Bekenntnis zum Irrationalismus in der Wissenschaft. Ihre Vertreter werden
freilich von den anderen wissenschaftlichen Disziplinen nicht geschnitten
und aus dem Kreis derer, die Wissen erarbeiten, ausgeschlossen. Sie werden
im Gegenteil als die korrekten Interpreten des wissenschaftlichen Denkens
anerkannt: Was eine Theorie sei, wie das Erklären geht, was das Ziel der
Forschung zu sein habe, - das lassen sich die Wissenschaftler von den
Philosophen sagen. Ihr Fach ist das affirmative Selbstbewusstsein einer
verkehrten Wissenschaft.


Kritik der Philosophie - Denken aus dem Geist der Rechtfertigung

mit dem Referenten Dr. Peter Decker
Mittwoch, 26. April 2006, 19 Uhr ct
in der Universität Freiburg, KG II, Raum 2004

siehe auch www.ideologiekritik.net